Interview


„Das Bild eröffnet neue Horizonte“

Wolfgang Valerius im Gespräch mit der Organistin Amelie Held

 

(organ - Journal für die Orgel 2019/2)

 



Wolfgang Valerius: Frau Held, wie gestaltete sich Ihr Weg zur Orgel? Hatten Sie schon als Kind den Wunsch, dieses Instrument erlernen zu wollen? Oder gab es da vielleicht ein besonderes Konzerterlebnis (wenn ja, mit wem?), das Ihnen letztlich den Anstoß gab, eine professionelle Organistenlaufbahn einzuschlagen?

Amelie Held: Den Wunsch hatte ich recht früh, ich sang damals im Domchor und wurde eines Tages damit beauftragt, dem Domorganisten nach der Messe zum Auszug umzublättern - spätestens ab da wollte ich unbedingt Orgel spielen. An das Berufsleben habe ich damals aber noch lange nicht gedacht. 

 

Würden Sie Ihren Ausbildungsweg in der heutigen Zeit als normalen, selbstverständlichen Werdegang für eine angehende Musikerin auf dem Weg zur professionellen Karriere bezeichnen?

Als normal und selbstverständlich würde ich wohl keinerlei Werdegang bezeichnen, denn der sieht bei jedem Menschen und insbesondere bei Musikern sehr unterschiedlich aus - zum Glück! Schließlich muss jeder seinen eigenen Weg finden und gehen. Ich habe einfach das gemacht, wofür ich mich begeistern konnte und woran ich immer geglaubt habe. Als selbstverständlich würde ich in meinem Lebenslauf eher wenig ansehen, denn aus einer Nichtmusikerfamilie kommend war mein Weg zur Orgel vermutlich alles andere als vorbestimmt und normal. Außerdem ist unsere Welt heute sehr global und ein normaler Werdegang für eine professionelle Karriere längst nicht mehr ausreichend, wenn sie nicht von Anfang an in einem darauf ausgerichteten Bildungssystem gefördert wird. Heute wird es zunehmend schwieriger, einen Weg zur professionellen Musikerkarriere zu finden, aber dafür gibt es viele Gründe.

 

Die Ausbildungswege gleichen heute ja eher überdimensionalen Highways. Verliert man sich da nicht gelegentlich in einem Zuviel an Angeboten und Möglichkeiten?

Man sollte wissen, was einen weiterbringt und was nicht. Ich hatte in diesen Dingen immer sehr hohe Ansprüche, dadurch hat sich die Anzahl der Angebote dann doch stark eingeschränkt. Es war beispielsweise nicht einmal an jeder Hochschule möglich, gleichzeitig zwei verschiedene Instrumente zu studieren.

 

Können Sie kurz ein paar Besonderheiten Ihrer jeweiligen Lehrer schildern, die Sie ja sicherlich in Ihrem jeweiligen Entwicklungsstand auch ein Stück weit gefördert und geprägt haben?

Seit ich damals in Regensburg mit dem Orgelspiel angefangen habe, bin ich einen für mich langen Weg gegangen, auf dem mich alle meine Lehrer ohne Ausnahme begleitet und unterstützt haben. Trotz der unterschiedlichen Schwerpunktsetzung im Repertoire - davon habe ich ja auch profitiert - und den sehr verschiedenen Unterrichtsstilen haben sie doch alle eins gemeinsam: Sie haben mich unermüdlich dazu animiert, mich weiterzuentwickeln. Es war Martin Sander, der mir mit seiner präzisen Herangehensweise die Welt des Orgelspiels überhaupt erschloss. Die aktuell wichtigsten Impulse und technische Raffinesse verdanke ich Ludger Lohmann. Alle haben mich immer weder dazu angehalten, nach meiner eigenen Stimme in der Musik zu suchen; dafür bin ich ihnen unglaublich dankbar. 

 

Gibt es unter den Organisten, speziell etwa eine Organistin, jemanden der/die für Sie einen gewissen Vorbildcharakter hat? Wenn ja, warum?

Nein, tatsächlich nicht. Die großen Organistinnen des 20. Jahrhunderts wie Marie-Claire Alain oder Rolande Falcinelli habe ich ja leider nicht mehr direkt miterleben können …

 

Neben der Orgel spielt im wahrsten Sinne des Wortes auch die Violine eine wichtige Rolle in Ihrem Leben. Um nicht die müßige Frage zu stellen, wer nun die „zweite Geige“ in dieser ungewöhnlichen Konstellation spielt - wie kam es zu dieser Parallelentwicklung?

Ganz einfach, ich konnte mich eben nicht entscheiden und habe deshalb erst einmal beides studiert. Was so ungewöhnlich ja gar nicht ist - die Violine ist ja ein Orchesterinstrument. Bevor ich überhaupt mit dem Orgelspiel anfing, habe ich schon in diversen Orchestern mitgespielt und war sofort fasziniert von diesem großen Klangkorpus mit seinen vielen verschiedenen Facetten und Klangfarben. Eine Orgel ist da nicht so viel anders - ich fand die Idee meines eigenen „Ein-Mann-Orchesters“ spannend!

 

Violine und Orgel: Hier ein eher zartes, fast schon intimes Instrument - da eine mitunter gewaltig aufbrausende Maschine. Wie passt das zusammen? Zwei Seelen in einer Brust? Oder haben beide doch mehr gemein, als man auf den ersten Blick und oberflächlich vermuten würde?

Natürlich sind das zwei sehr verschiedene Instrumente, aber ich habe früh gemerkt, dass sich beide gegenseitig beflügeln können. Ich bekam auch oft von anderen Musikern zu hören, dass man merke, dass ich nicht nur Orgel spiele oder nur Violine; beispielsweise hatte ich ein ganz anderes Harmonieverständnis als die meisten Geiger; Vom-Blatt-Spielen war auch nie ein Problem - als Organistin ist man da ja ganz anderes gewohnt. Andersherum habe ich durch die Geige ein ganz anderes Empfinden für Phrasenbildung und Tongebung, was mir wiederum auf der Orgel sehr hilft. Und nicht zuletzt habe ich durch meine pianistische und geigerische Ausbildung ein ganz anderes, wunderbares und viel größeres Repertoire kennengelernt, gerade im symphonischen und kammermusikalischen Bereich. Da gibt es doch noch so viel mehr zu entdecken als “nur“ in unserem organistischen Repertoire. Wenn man die Musik von Komponisten wie Berlioz, Bruckner, Mahler, Mozart, Schubert, Wagner etc. kennt, interpretiert man auch auf der Orgel ganz anders.

 

Als Geigerin ist man ja eng mit seinem Instrument vertraut. Reisende Konzertorganisten/-organistinnen genießen hingegen meist nur den Status des „Gastarbeiters“ am jeweiligen Instrument. Gelingt Ihnen da auf Anhieb eine „Assimilation“ mit jedem Instrument, oder haben Sie da gewisse Präferenzen für einen bestimmten Instrumententypus?

Mit seiner Violine ist man zwar eng vertraut, aber auch die kann an manchen Tagen im wahrsten Sinne des Wortes „verstimmt“ sein, z. B. über klimatische Veränderungen, sodass man ihr sozusagen erst gut zureden muss. So wie die Orgel eine Königin ist, ist die Violine eine kleine Diva. Der wesentliche Unterschied von uns Organisten gegenüber anderen Instrumentalisten besteht ja darin, dass man sich schon im Vorhinein auf ein bestimmtes Programm festlegen muss; ein Violinist kann theoretisch jedes Programm überall spielen. Als Organist ist das nicht möglich, man muss sich vorher genau überlegen, welches Programm auf welche Orgel passt. Je mehr man auf unterschiedlichen Instrumenten spielt, desto einfacher und schneller kann man sich anpassen. Auf vielen verschiedenen Instrumenten spielen zu dürfen ist ja gerade das Interessante am Beruf eines Organisten …

 

Schaue ich mir Ihre professionell gestaltete Homepage an, so fallen sogleich die glänzend roten Lackschuhe auf der Klaviatur auf und evozieren Assoziationen an Hans Christian Andersens Märchen Die roten Schuhe. Sicherlich sollen die auffälligen Schuhe kein Symbol für einen „erzwungenen Tanz“ auf den Pedalen sein. Dennoch, in eben diesem Märchen heißt es, es schicke sich nicht, mit roten Schuhen in die Kirche zu gehen. Treten Sie in einer Kirche anders auf als auf dem Konzertpodium?

Die Assoziation zu diesem Märchen kam mir tatsächlich noch nie. Es waren einfach die ersten Orgelschuhe, mit denen ich mich auf der Pedalklaviatur auf Anhieb wohl gefühlt habe. Ich sehe selten Schuhe, die sich für mich als Organistin eignen und zugleich elegant und hübsch sind. Natürlich trete ich in einer Kirche anders auf als in einem Konzertsaal, das hängt aber ganz einfach mit dem Raum zusammen sowie auch der Atmosphäre und dem Publikum. Manche Dinge gehören sich in einer Kirche einfach nicht und das respektiere ich, schließlich bin ich selbst katholisch getauft und damit aufgewachsen. Rote Schuhe gehören für mich aber definitiv nicht dazu …

 

In der E-Musik für Orgel gleicht manches Konzert eher einer Trauermette als einem österlichen Festhochamt. Dürfen Orgelkonzerte in Kirchen nicht auch ein Stück weit unterhaltsam sein - unterhaltsam in dem Sinne, dass man von der Schönheit der Musik angerührt, erfreut und innerlich beglückt in den Alltag geht?

Natürlich sollen die Menschen generell nach einem Konzert beglückt nach Hause gehen - allerdings ist das lange nicht alles. Ich möchte auch, dass das Publikum etwas zum Nachdenken hat oder durch ein Konzert vielleicht etwas dazulernt. Immer nur das Übliche zu spielen, wäre für mich als Künstlerin auf Dauer nicht herausfordernd genug und erfüllt weder meine eigenen Ansprüche an ein interessantes Konzertprogramm noch fördere ich damit die Musik, die das Publikum weniger kennt. Aber gerade das ist doch auch meine Aufgabe als Künstlerin!

 

Für viele Zeitgenossen ist die Königin der Instrumente noch immer - bedingt durch den Aufstellungsort - ein primär kirchliches „organum“, dessen Konturen nicht selten (zumindest in katholischen Kirchen) hinter Weihrauchschwaden verschwimmen. Hinzu kommt, dass die Bedienung der Orgel meist dem Blick der Zuhörer verborgen bleibt. Fällt es unter diesen Gegebenheiten schwerer, den Kontakt, die Kommunikation mit dem oft weit entfernten Publikum herzustellen?

Es fällt nicht unbedingt schwerer, Kontakt zum Publikum aufzubauen, denn den versuche ich vor allem über die Musik herzustellen. Ich möchte ja, dass die Leute wegen der Musik zu mir ins Konzert kommen und nicht weil ich beispielsweise rote Schuhe anhabe … Dennoch wissen viele gar nicht, wie das Instrument überhaupt genau aussieht, geschweige denn wie es funktioniert und was da alles hinter verborgener Kulisse passieren muss, damit es so klingt, wie es das tut. Und das ist schade. Da ist definitiv noch mehr Aufklärungsarbeit erforderlich. Ich finde es deshalb auch überhaupt nicht verkehrt, wenn das Konzert auf Leinwand ins Kirchenschiff übertragen wird. Schon öfter habe ich festgestellt, dass - sobald dies bereits im Vorhinein angekündigt wird - dann auch mehr Menschen ihren Weg in die Kirche zum Konzert finden. Unsere Gesellschaft befindet sich im Umbruch, und auch wir Organisten oder auch Konzertveranstalter müssen da mitgehen, sonst hat der Erhalt dieser Kultur keine Chance in der modernen Zeit. 

 

Wenn Sie sagen, dass das Bild das Hören erleichtert, dann scheint es wohl nicht, oder zumindest nicht für jeden und immer so leicht zu sein, nur über die Musik den Kontakt zum Publikum herzustellen. Kann man dies wie das Einmaleins erlernen oder ist es eine natürliche Begabung, die dem einen mehr, dem anderen weniger gegeben ist?

Ich sage nicht, dass das Bild das Hören direkt erleichtert. Aber es eröffnet einem neue Horizonte, und der eine oder andere aus dem Publikum lässt sich eher darauf ein, etwas Neues zu hören, wenn er weiß, mit welchem komplexen Instrument wir es zu tun haben. Sicher ist es so, dass der eine mehr, der andere weniger begabt ist für diese Dinge. Dennoch liegt ein ganz großer Teil davon bei unserer Erziehung! Das Hören wird nicht so sehr gefördert wie beispielsweise das Einmaleins. Wenn wir uns die heutige Schulbildung ansehen, wundert es mich überhaupt nicht mehr, dass die Mehrheit der Bevölkerung nichts mehr mit klassischer Musik anfangen kann. Andere Länder sind uns da deutlich voraus. Solmisation wird bei uns z. B. überhaupt nicht gelehrt, weder in der Schule noch im Studium! Der Musikunterricht selbst hat an Bedeutung und Inhalt verloren, es wird in der Grundschule nicht einmal mehr gesungen. Wie soll man denn dann komplexere Orgelmusik verstehen können? Dabei hat jedes Baby ein absolutes Gehör. Nur geht das eben verloren, wenn es nicht gefordert und gefördert wird. Ob es jemandem leicht fällt, unserer Musik zuzuhören, hat also weniger mit Begabung, mehr aber mit Bildung oder generell Aufgeschlossenheit zu tun.

 

Wie sehen Sie als junger Mensch die Zukunft? Haben Sie Ängste, oder glauben Sie, dass sich tradierte Werte, dass sich Qualität letztlich gegen oberflächlichen Mainstream durchsetzen wird?

Wenn ich mir die Entwicklung unserer Gesellschaft so anschaue, bin ich eher skeptisch. Damit tradierte Werte auf Dauer überhaupt eine Chance haben, muss sich in unserem gesamten Bildungssystem etwas ändern. Ich bin mir nicht so sicher, ob wir in dieser Hinsicht noch rechtzeitig die Kurve bekommen. Das Erschreckende ist: Mainstream wird sich immer durchsetzen, egal wie schlecht er ist. Es ist alles sehr konsumorientiert, und ein Wertedenken gibt es praktisch nicht mehr. Da kann sich die Qualität nur sehr schwer behaupten. Aber wollen wir optimistisch bleiben, immerhin ist unsere Kultur und gerade die Musik etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt!

 

 

Frau Held, ich danke Ihnen für das Gespräch!


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Interview "organ" 2019
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